18’000 Km von zu Hause – Warum Englisch lernen in Neuseeland?

«Hello and good evening on board of the Air New Zealand K4D4QH to Nelson. Thank you for flying with us.» Ich lande bald. Auf der Insel verbringe ich meine nächsten fünf Monate im Sprachaufenthalt. 18’000 Kilometer entfernt von meiner Heimatstadt Zürich.

Ich bin angespannt. Werde ich mich mit meinen Gasteltern verstehen? Was, wenn sie mir nur Spaghetti aus der Dose auftischen? In Neuseeland eine Kultspeise, die zum Frühstück oder Lunch auf Toast serviert wird. Wissen sie überhaupt von meiner Ankunft?

Flughafen Sydney: 19’000 Kilometer von zuhause entfernt.
Dosenspaghetti gelten als „comfort food“ in Neuseeland. Bild: yummilummi

Der Duft von Hühnchen und Bratkartoffeln

Am Morgen meines ersten Schultages am Nelson English Centre bin ich nervös wie vor dem Eintritt in die 1. Klasse. Immerhin haben sich meine Befürchtungen hinsichtlich der Gasteltern gelegt. Das ältere Ehepaar ist sehr freundlich und kulinarisch bewandert. Ihre Kochbuchsammlung im Wohnzimmer beeindruckt mit sofort.

Nach der Einstufung meiner Sprachkenntnisse und einer Vorstellungsrunde begrüsst uns unser neuer Lehrer David. Ein bekennender Hobbyfischer Mitte 50. Der erste Tag ist vorbei. Die Eindrücke verarbeite ich auf dem Heimweg, der mich durch Nelsons Stadtpark führt. Zuhause riecht es nach Hühnchen im Ofen und Bratkartoffeln.

Schafe und Kiwis teilen sich die Insel

Mit Vivian freunde ich mich auf Anhieb an. Sie ist eine junge Studentin aus dem deutschen Erfurt. Gemeinsam büffeln wir Vokabeln. Nach dem Unterricht verabreden wir uns zum Spazieren am Strand oder auf Nelsons Hausberg. Von hier überblicken wir das Meer und die Stadt.

Diese liegt zwischen grünen Hügeln an der Tasman Bay auf der Südhalbinsel. Hier sind knapp 53’000 Bewohner beheimatet – und unzählige Schafherden. Neuseelands drittes inoffizielles Wahrzeichen neben dem Silberfarn und den Kiwi Vögeln. Die Bewohner werden daher auch liebevoll «Kiwis» genannt.

Ein 20-minütiger Marsch auf Nelsons Hausberg belohnt mit freier Sicht aufs Meer und die Stadt.

Vermeintliche Freunde

In den folgenden Wochen übe ich nützliche Redewendungen und lerne die sogenannten «False Friends» kennen. Wir Deutschsprachigen verwechseln englische Begriffe gerne. Ich deute die Entwicklungen von Liniendiagrammen und stelle sie einander gegenüber. Beachte typische Formulierungen in Geschäftsmails.

Während des dreitägigen Segelausflugs zum Abel Tasman Park freundet sich die Klasse auch untereinander an. Wir erfahren, weshalb es Marcelo aus Sao Paulo hierin verschlagen und welche Pläne Sandrine aus Dijon nach ihrem Sprachdiplom hat.

An den folgenden Freitagnachmittagen spielen wir Volleyball am weitläufigen Strand und planen Ausflüge. Inzwischen sind wir zu einer kleinen Familie zusammengewachsen. Wir freuen uns gemeinsam über sprachliche Fortschritte. Lachen, als einer von uns mit dem «Earworm» eigentlich «a catchy tune» meint.

… draussen beim Kajaken ums gegenseitige Kennenlernen.

Was mir kein Sprachkurs zuhause hätte beibringen können

Am Tag der Verabschiedung halten fast alle ein Diplom in den Händen. Tränen fliessen. Viele fliegen nach Hause. Andere tun sich als Gruppe zusammen und bereisen gemeinsam die Nordhalbinsel. Dabei schwören sich alle gegenseitig, den Kontakt für immer aufrecht zu halten.

Während meiner Zeit in Neuseeland habe ich weitaus mehr gelernt als nur die Sprache. Dinge, die mir kein Sprachkurs zuhause hätte beibringen können. Ich habe meinen Horizont erweitert. Eine neue Kultur kennengelernt. Ich kenne jetzt die Ausdrücke der Locals, mit denen sie sich gegenseitig zu verstehen geben: «Ich bin einer von hier. Ich bin ein Kiwi!»

Der Sprachaufenthalt hat mich gelehrt, Menschen offen zu begegnen. Sich selbst auch in knapp 20’000 Kilometern Distanz von der gewohnten Umgebung zu vertrauen. Unbekanntes mit offenen Armen zu empfangen.

Schwer beladen, aber glücklich: Sie sieht der Alltag eines Backpackers aus.

Alain Buob

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