König Fussball & the Queen: Tinos Sprachaufenthalt in York

Ich stehe inmitten Tausender jubelnder Zuschauer. Mütter und Väter, die ihre Kinder auf den Schultern tragen. Ein Meer von Fähnchen: fünf goldene Löwen auf dem blutroten St. George’s Cross und weissem Hintergrund – Yorks Wappen. Alle warten gebannt auf den Besuch von Königin Elisabeth ll. Bald wird sie vor dem York Minster aussteigen. Der Menge mit ihrer gewohnt unaufgeregten Handbewegung zuwinken, bevor sie die riesige Kathedrale im gotischen Stil aus 1472 betritt.

So unmittelbar vor ihr, wirkt ihre dreischiffige Form massig und einschüchternd. Eine Fensterwand ist etwa so lang wie ein Tennisfeld. Sie ist Englands grösste mittelalterliche Kirche. Ganze 250 Jahre dauerte es, bis man die alte Lady fertiggestellt hat. Doch darüber macht sich gerade niemand Gedanken. Eigentlich kenne ich diese Art von frenetischer Begeisterung nur von Fussballspielen. Hier in Grossbritannien aber sind die Queen und Fussball gleich populär.

Massig, eindrücklich und schon ein paar Jahre alt, das York Minster.

York ist vielseitig und hat die perfekte Grösse

Die Stadt York im Norden Englands hat viel zu bieten: Sportshops, unzählige Teehäuser, traditionelle Gerichte wie den Yorkshire Pudding und Spezialitäten wie den Blauschimmelkäse Blue Stilton, ein Stadion für Fussball- und Rugbyspiele, die Pferderennbahn Knavesmire, viel Kultur und eine lange Stadtgeschichte. Ausserdem ranken sich Gruselgeschichten um Yorks enge Gassen und Burgen. Kurzum: Die uralten Stadtmauern, Burgen, Schlösser und Verliesse machen es selbst zum Museum.

Trotz der der Unterhaltungsmöglichkeiten in Hülle und Fülle gibt die Stadt ihren Besuchern und Einwohnern niemals das Gefühl, sie zu verschlucken. Sie überfordert nicht. Alles ist zu Fuss erreichbar. Alles ist freundlich. Während meines dreimonatigen Sprachaufenthalts vergeht fast kein Tag, an dem ich mich hier nicht wohl fühle.

Der Grossteil von Yorks Stadtmauern stammt aus dem 12. bis 14. Jahrhundert.
Hungrig verlässt hier niemand die Stadt – an jeder Ecke gibt es Pubs und Restaurants.

Zum ersten Mal Schnee

Nach knapp einem Monat an meiner Schule begegne ich dem ersten Schweizer. Die Heimat vieler Mitschüler liegt eher in exotischen Ländern: Philippinen, Panama, Saudi-Arabien. Alle um mich herum sprechen praktisch 24 Stunden am Tag Englisch.

Als es im Januar schneit, trauen sie ihren Augen kaum. Noch nie zuvor haben sie ein solches «Naturphänomen» gesehen. Unser Lehrer lässt uns ausnahmsweise früher gehen. In Sekundenschnelle stürmt die Hälfte der Klasse raus. Vergräbt ihre Hände in der kalten weissen Masse und betrachtet sie entzückt. Danach geht’s los: wilde Schnellballschlachten, begleitet von aufgeregtem Grölen. Ich mache mit.

Arabische Gastfreundlichkeit

Am international Food Day fast zwei Monate später setzen wir uns im Schulgarten auf die ausgebreitete Decke am Boden. Darauf platzieren unsere arabischen Mitschüler vorsichtig Gläser, Schälchen mit Tahina und Humus sowie eine grosse dampfende Pfanne. Sofort steigt uns ein aromatischer Duft in die Nase. Köstlich. Es riecht nach gekochtem Hähnchen und Basmatireis. Pinienkerne, gehackte Mandeln und Rosinen wurden beigemischt. Ringsum sitzen zehn hungrige Schüler und ein gespannter Lehrer.

Sie machen vor, wie man das Gericht traditionell mit der rechten Hand isst. Die linke wird derweil nur zum Abstützen benötigt. Als Ersatz für Messer und Gabel reichen sie uns Fladenbrot, das wir in Stücke brechen. Darauf befördern wir den arabischen Mandelreis und die mundgerechten Fleischstücke. «Bismillah» – wir lächeln uns gegenseitig zu und beginnen.

An diesem sonnigen Nachmittag, umgeben von Vogelgezwitscher, dem entfernten Lärm der Autos und gedämpften Stimmen wachsen wir weiter zusammen. Noch oft treffen wir uns an freien Nachmittagen im Garten der Schule oder im Harrogate Park und spielen Fussball.

Der Harrogate Park wird zum Fussballfeld.

Jede Lektion ein Gerichtsfall

Unser Lehrer – ein ehemaliger Rechtsanwalt – verwandelt unser Klassenzimmer regelmässig in einen Gerichtssaal und lässt uns einige seiner Fälle nachspielen: Verteidiger und Angeklagter. Wir lernen, zu argumentieren und zu verhandeln. Einmal ging es um ein mächtiges Holzfass auf einer steilen Strasse, das sich aus unerklärlichen Gründen loslöste. Es verletzte einige Passanten, die völlig überrascht wurden. Immer wieder baut er Anekdoten aus seinem Privatleben ein. Dann hat er die gesamte Klasse in seinem Bann.

Sonntagsbraten auf die feine englische Art

Samstags finden die Fussballspiele meiner beiden Gastbrüder Dillan und Sam statt. Gastvater Christoph ist ihr Fussballtrainer und nimmt mich fast immer zu den Spielen mit. Meistens darf ich sie auch ins Training begleiten. Wir alle teilen dieselbe Leidenschaft für Fussball.

Sonntags gibt es oft Sunday Roast mit Yorkshire Pudding. Ein leckerer Rindsbraten mit Ofengemüse und Bratensauce. Nachdem wir uns den Magen vollgeschlagen haben, machen wir es uns auf der Couch bequem und schauen gemeinsam eine Folge «How I met your mother». In der Originalsprache sind die Witze von Ted, Marshall, Lily, Barney und Robin noch lustiger. Ich liebe solche entspannten Wochenenden.

«Yes, please» und Anstehen mit Anstand

Wenn wir Lust haben, essen wir vor dem TV zu Abend. Etwas, was ich zuhause nie durfte. Umso mehr legen Christoph und Sarah Wert darauf, dass wir mit «Yes, please» oder «No, thank you» antworten. Manieren sind wichtig. Das fiel mir übrigens auch draussen beim Anstehen auf: Es muss ein unbeschriebenes Gesetz geben, wonach die erste Person an der Bushaltestelle auch zuerst einsteigen darf. Dasselbe gilt auch vor den Kassen. Kein Drängeln, kein Schubsen. Die Briten sind seriös. Auch Pünktlichkeit ist fester Bestandteil der nationalen Netiquette. Ordnung muss sein im Königreich. Die Bewohner von Yorkshire bezeichnen ihre Grafschaften sogar als «Gottes eigenes Land».

Nach drei Monaten im Reich der Moorlandschaften, Manieren, Burgen, Fussball und Aristokratie wird es Zeit für mich, Abschied zu nehmen. Ich habe nicht nur mein Englisch verbessert und York kennengelernt. Der Sprachaufenthalt hat mir auch einen Einblick in neue, farbige Welten gewährt. Sollte ich mal nach Panama oder in die Philippinen reisen, weiss ich, an wen ich mich wenden kann. Dank meinen arabischen Mitschülern kenne ich jetzt orientalische Rezepte für Reisgerichte. Nächsten Sonntag koche ich aber den Sunday Roast nach. Wir essen ihn gemeinsam mit der Familie – wieder am Tisch.

Adriana Zilic

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